Ein Beitrag von Werner Hoffmann

Der Jahresanfang hat gezeigt, wie schnell es ernst werden kann: In Berlin waren nach einem Sabotagefall zehntausende Haushalte über Tage ohne Strom.

Plötzlich fehlen Heizung, Warmwasser, Kommunikation, Licht, funktionierende Aufzüge. Ein langer Ausfall macht innerhalb kurzer Zeit aus Alltag einen Ausnahmezustand. Genau deshalb rückt eine Frage ins Zentrum, die viele bisher für Theorie gehalten haben: Können Elektroautos im Notfall Strom liefern und damit zumindest Teile der Versorgung sichern?

In der großen Batterie moderner E-Autos steckt ein beachtlicher Energiespeicher. Entscheidend ist aber, welche Technik das Fahrzeug unterstützt und wie gut Haus und Installation darauf vorbereitet sind. Hier wird oft alles in einen Topf geworfen, obwohl es klare Unterschiede gibt.
Erstens: Vehicle to Load, kurz V2L. Das ist die pragmatischste Variante. Das Auto wird zur mobilen Steckdose und liefert 230 Volt für kleinere Verbraucher. Damit lassen sich bei Stromausfall zum Beispiel Smartphones laden, Beleuchtung betreiben oder einzelne Geräte versorgen. Einige Hersteller bieten solche Funktionen bereits in Serienfahrzeugen an. Für den Alltag ist das praktisch, für einen längeren Blackout ist es aber nur eine Teilhilfe, weil große Verbraucher und eine komplette Hausversorgung damit meist nicht realistisch abgedeckt werden.

Zweitens: Vehicle to Home, kurz V2H. Hier speist das Auto Strom direkt in das Hausnetz ein, ähnlich wie ein Generator, nur elektrisch. Damit wird es deutlich relevanter, weil nicht nur einzelne Geräte laufen, sondern ein Haushalt für eine gewisse Zeit stabil versorgt werden kann. Dafür braucht es jedoch Technik und Planung: Das Gebäude muss vom öffentlichen Netz sauber getrennt werden können, damit ein sicherer Inselbetrieb möglich ist. Ohne fachgerecht installierte Umschalttechnik und passende Hardware funktioniert das nicht zuverlässig und darf es aus Sicherheitsgründen auch nicht.
Drittens: Vehicle to Grid, kurz V2G. Dabei wird das Auto Teil des Stromnetzes und kann Energie aufnehmen und wieder abgeben. In einer Zukunft mit intelligenten Netzen und dynamischen Tarifen könnte das helfen, erneuerbare Energien besser zu nutzen und Netze zu stabilisieren. Für einen konkreten Blackout in einem abgeschalteten Netzabschnitt ist V2G jedoch kaum geeignet, weil Sicherheitsvorgaben eine Einspeisung in ein abgeschaltetes Netz verhindern. Das schützt Einsatzkräfte und ermöglicht ein kontrolliertes Wiederhochfahren des Netzes.

Was heißt das unterm Strich für Krisenfälle? Am realistischsten ist Hilfe auf Gebäudeebene, also über V2H oder Vehicle to Building, wenn ein Haus oder ein Gebäude als Insel betrieben werden kann. Mit bidirektionaler Wallbox, geeigneter Leistungselektronik und sauberer Netztrennung kann ein E-Auto dann tatsächlich wichtige Funktionen im Haushalt stützen. Besonders wirkungsvoll wird das im Verbund mit Photovoltaik und stationärem Speicher, weil dann nicht nur Energie entnommen, sondern je nach Wetter auch wieder nachgeladen werden kann.
Der Haken ist der Aufwand. Umschalter im Zählerschrank, bidirektionale Wallbox, Installation und Abnahme kosten Geld und müssen geplant werden. Ohne Vorbereitung gibt es keine schnelle Resilienz. Beispiele aus Ländern, in denen Unwetter häufiger Netze lahmlegen, zeigen aber: Wenn Hersteller und Infrastruktur auf Notstrom ausgelegt sind, kann ein E-Auto im Extremfall ein Haus sogar über längere Zeit stützen.

Warum das im Versorgungsfall und sogar im Kriegsfall relevant sein kann. In einer Lage mit wiederkehrenden Stromausfällen, wie man sie in Krisenregionen sieht, zählt jede dezentrale Quelle, die Kommunikation, Licht, medizinische Geräte, Kühlung oder Wärmeerhalt unterstützt. Gerade in Szenarien, wie sie die Ukraine durch Angriffe auf Energieinfrastruktur erlebt, kann ein E-Auto als mobiler Speicher helfen, Versorgungslücken zu überbrücken. Nicht als Ersatz für ein ganzes Stromnetz, aber als dezentrale, schnell verfügbare Energie für Haushalte, Notunterkünfte, lokale Anlaufstellen oder einzelne kritische Geräte. Je mehr Fahrzeuge und Gebäude dafür vorbereitet sind, desto höher wird die Widerstandskraft einer Region.

Elektroautos sind damit nicht nur Fortbewegungsmittel. Richtig eingebunden werden sie zu einem Baustein moderner Krisenvorsorge. Das Potenzial ist da, aber es wird erst dann echte Notfallhilfe, wenn Technik, Regeln und Installation im Vorfeld konsequent mitgedacht werden.
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