Ein Beitrag von Werner Hoffmann

Die stark gestiegene Zahl der Krankheitstage in Deutschland wird gern als Beleg für sinkende Arbeitsmoral herangezogen.
Beschäftigte seien bequemer geworden, Krankschreibungen würden missbraucht. Diese Darstellung ist einfach – aber sie ist falsch.
Der eigentliche Grund liegt in einer grundlegend veränderten Erfassung von Krankmeldungen.

Ich habe diese Unterschiede selbst erlebt. Als Schüler arbeitete ich in einem Ferienjob bei der AOK.
Damals mussten Krankheitsfälle, die länger als sechs Wochen dauerten, manuell aus Papierkarteien herausgesucht werden. Krankmeldungen kamen per Post, trafen oft verspätet ein oder gingen vollständig verloren. Teilweise mussten Bescheinigungen beim Vertrauensarzt abgegeben oder dort nachträglich geklärt werden. Viele Krankheitstage erschienen nie in einer Statistik, weil sie schlicht nicht vollständig erfasst wurden.

Heute läuft die Übermittlung digital. Krankmeldungen werden elektronisch und zeitnah zwischen Arztpraxen, Krankenkassen und Arbeitgebern übermittelt.
Was früher unterging, taucht heute zuverlässig in den Zahlen auf. Der statistische Anstieg bedeutet daher nicht automatisch mehr Krankheit, sondern vor allem mehr Transparenz und Genauigkeit.

Auch die telefonische Krankschreibung spielt eine Rolle. Sie hat keine neue Krankheitswelle ausgelöst, sondern bildet Erkrankungen ab, die es schon immer gab. Wer früher mit Erkältung, Migräne oder Fieber zu Hause blieb, ohne ein Attest einzureichen, wird heute korrekt erfasst.
Hinzu kommt der demografische Wandel. Die Erwerbsbevölkerung wird älter, chronische Erkrankungen nehmen zu, gleichzeitig bleiben mehr Menschen trotz gesundheitlicher Einschränkungen länger im Berufsleben. Das ist gesellschaftlich sinnvoll, führt aber zwangsläufig zu mehr dokumentierten Krankheitstagen.

Nicht zuletzt steigen psychische Belastungen. Arbeitsverdichtung, Personalmangel, ständige Erreichbarkeit und wirtschaftliche Unsicherheiten schlagen sich in längeren Ausfallzeiten nieder. Auch das ist kein Zeichen von Faulheit, sondern von Überlastung.
Wer heutige Zahlen mit früheren Jahrzehnten vergleicht, ohne die völlig unterschiedliche Messmethodik zu berücksichtigen, zieht falsche Schlüsse. Die Zahlen sind ehrlicher geworden – die Debatte darüber oft nicht.

Die vereinfachte Darstellung hoher Krankheitstage stützt vor allem eine neoliberale, arbeitgebernahe Erzählung und dient als Argument, um Karenztage einzuführen, mit denen insbesondere CDU/CSU, FDP und AfD versuchen, die Kosten der Sozialversicherung zulasten der Beschäftigten zu senken.
#Krankheitstage #Arbeitswelt #Sozialversicherung #Gesundheit #Arbeitsmarkt

